Spider | Originaltitel: Spider | Produktion: Kanada, Frankreich, Großbritannien 2002 | Dauer: 98 Minuten | Besucher: 23092
Starttermin: Starttermin, Deutschland: 10.06.2004 | Starttermin, International (Produktionsland): 21.05.2002
Genres: Thriller
Bewertungen: cliffjumper: 8.0 | bovbossi: 7.0 | tuennes: 6.5
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Inhaltsangabe
Dennis Cleg (Ralph Fiennes) soll nach vielen Jahren in einer Anstalt für kriminelle Geisteskranke in die Gesellschaft resozialisiert werden. In der Obhut der resoluten Mrs. Wilkinson (Lynn Redgrave), die in London eine Pension für Menschen wie Spider betreibt, soll der fahrige, stets nervös murmelnde Mann seinen Platz im Leben wiederfinden.
Doch Dennis "Spider" Clegs Hirn ist voll von Erinnerungsfetzen an das schreckliche Geheimnis, das ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Jetzt, da er an den Ort seiner Vergangenheit zurückgekehrt ist, beginnt ihn der Albtraum wieder einzuholen.
©Presseheft, Columbia Tristar GmbH
Doch Dennis "Spider" Clegs Hirn ist voll von Erinnerungsfetzen an das schreckliche Geheimnis, das ihn zu dem gemacht hat, was er ist. Jetzt, da er an den Ort seiner Vergangenheit zurückgekehrt ist, beginnt ihn der Albtraum wieder einzuholen.
©Presseheft, Columbia Tristar GmbH
Kritik
die Kritik:
WER IST VERRRÜCKT, WER IST NORMAL?
von DIETMAR KESTEN, GELSENKIRCHEN, 10. JUNI 2004.
David CRONENBERG („Brut“, 1979, „Videodrome“, 1982, „Dead Zone“, 1983, „Die Fliege“, 1985, „Unzertrennlich“, 1988, „Naked Lunch“, 1991, „Crash“, 1995, „existenZ“, 1998) stochert gerne in der menschlichen Psyche herum, in den Abfallhalden der dort angesiedelten Ideenwelt. Mit „Spider“ zeigt er Episoden aus einem Leben eines psychisch gestörten, sich aus der realen Welt verabschiedenden Mannes, der seine Erinnerungen in wenigen Tagen schmerzhaft wahrnimmt und durchlebt. Die Geschichte des hochgradig gestörten Dennis ‘Spider’ Cleg (Ralph FIENNES) ist eine makabere Studie- gleichermaßen abstoßend und faszinierend- über das Thema Gedächtnis und Erinnerung, Normalität, Bedrückung und Zerstörung. Dennis ist ein introvertierter, eigentlich autistischer Mann, der nach einem Aufenthalt in der Psychiatrie in seine Heimatstadt London zurückkehrt. In einer Pension quartiert er sich ein. Sie erweckt den Eindruck, als leben dort Menschen, die wie er, psychisch gestört sind. Die Herbergsmutter Mrs. Wilkinson (Lynn REDGRAVE/Miranda RICHARDSON) vermittelt Kälte, Wahnsinn und Irritationen. Dennis muss die Erfahrung machen, dass hier keine Hilfe zu finden ist. Sein Zimmer ist karg eingerichtet, der Tagesablauf in der Pension streng geregelt. Dennis beginnt damit, sich noch mehr gegen die Außenwelt abzuschotten, und begibt sich auf die Reisen zu den Stätten seiner Kindheit, die der Zuschauer in Rückblenden miterlebt. Dennis Vater Bill (Gabriel BYRNE) verdingt sich als Klempner und vertreibt sich seine Zeit nachts in Bars und Pubs, während die Mutter (Miranda RICHARDSON) Haushalt und Kind versorgt. Sein Zuhause ist gerade nicht von Zuwendung geprägt, sondern eher von Schweigen und Aggression. Irgendwann lernt Bill eines abends die vulgäre Prostituierte Yvonne (Miranda RICHARDSON) kennen. Sie beginnen eine Affäre, die schließlich zum Zusammenbruch der Familie führt. Als Bill während eines Streits mit seiner Frau die Wohnung verlässt, in den Pub geht, mit Yvonne in einer Gartenkolonie verschwindet, um dort mit ihr die Nacht zu verbringen, wird er von Dennis Mutter in flagranti ertappt. Bill erschlägt sie mit einem Spaten und verscharrt sie in einem Gemüsebeet. Yvonne erwähnt gegenüber Dennis eher beiläufig, dass seine Mutter von seinem Vater und ihr umgebracht wurde. Der gestörte Junge glaubt, er sei das nächste Opfer und sinnt auf Rache.
Dennis Mutter und Yvonne werden von der gleichen Person gespielt. Das lässt erkennen, welche Bedeutung CRONENBERG auch der psychologischen Ebene beimisst; denn Dennis kann durchaus als moderner Ödipus bezeichnet werden. Und weil die Beziehungskonstellation zu den Eltern, speziell der Mutter nachhaltig wirkt, Beseitigungswünsche aufflammen, muss man sich im Kino auf diese sicherlich verwirrenden Bilder konzentrieren. Man könnte dieses Verwirrspiel, die zynische Brutalität und das Bedrohende, das nicht mit erhobenem Zeigefinger vermittelt wird, sogar überspitzt als ‚Kaspar-Hauser-Effekt’ deuten. Nach Alexander MITSCHERLICH unterliegen diese Menschen der totalen inneren Einsamkeit und der Verkümmerung des Gemüts. Der verwirrende „Spider“ entspricht exakt diesem Bild. In seiner Tristesse mag er ein Spiegelbild unserer Gesellschaft sein, in der die Ausgrenzung dieser Menschen ein Dauerthema ist, und die mit den Schwachen, die nicht im Gleichschritt marschieren, gnadenlos verfährt. Man mag sich an der depressiven Grundstimmung des Films reiben. Doch den hinter- und abgründigen Welten eine positive Grundstimmung abzugewinnen, vermag CRONENBERG nicht.
CRONENBERG zeigt in eindringlichen, ja in düsteren Bildern die Zerstörung eines Menschen. In Rückblenden zelebriert er gekonnt und mit voyeuristischer Lust die Traumata, die Dennis durchziehen und macht vor keiner Erschütterung halt. Als Beobachter, niemals aufdringlich, doch bestimmt, lässt er ihn noch einmal seine eigene traumatische Kindheit erleben. CRONENBERG zwingt den Zuschauer praktisch in die Katastrophe hinein, er zwingt ihn dazu, zuzusehen, an den Beobachtungen, teilzuhaben an den Schicksalen, an den finalen Wendungen. Er teilt so auf seltsame Weise das Schicksal von Dennis. Aus der Perspektive des inzwischen erwachsenen Mannes erlebt er die totale seelische Degenerierung des Kindes.
„Spider“ ist ein finsterer Film, dicht inszeniert. In einer Welt ohne Mitleid ist das Individuum dem (geistigen) Verfall ausgesetzt, ohne Hoffnung auf einen Ausweg, ohne Hoffnung auf Freiheit und Selbstbestimmung. Das imaginisiert der Film. Die weit unangenehmere Irrealität sind dabei die Ausflüge in seine Vergangenheit. Dennis Verhalten ähnelt das eines utisten: etwa, wenn er seine Erinnerungen in ein Heft kritzelt, versteckt und schließlich in einem Wahn vernichtet. Oder die Tatsache, das er sich kaum äußerst, Halbsätze, die unverständlich klingen, murmelt, oder dort, wo er in vielen Szenen durch schizoide Schübe zeigt, dass „Spider“ ein kranker Mensch ist.
Der Schrecken ist eine Innenansicht. Er ist wie ein Fall in ein tiefes, dunkles Loch, in eine Leere, absolutes Nichts. Dort, wo es keine Zeit gibt, keinen Raum und alles eins wird, dort, wo alle Begrenzungen, Sekunden, Minuten und Stunden sich in einer Art Gleichschaltung auflösen, dort ist die Seelentiefe von „Spider“, rätselhaft und undurchdringlich. Rätselhaft ist auch der Anfang: die Kamera zeigt eine Reihe von Fotos roher und glatter Wände (abgeblätterte Farbe, heruntergerissene Tapeten). Ein merkwürdiger Eindruck, der von CRONENBERG später aufgelöst wird. Er hat Fotografien gespiegelt, die dadurch den Anschein haben, als seien sie Bilder eines psychologischen Tests, Gesichter, Muster, Material, visionäre Symbolik (Verweise auf die Rorschach-Tests wonach Tintenkleckse auf bedruckten Tafeln von den Probanden zu deuten sind). CRONENBERG, der in diesen Szenen versucht, visuell zu argumentieren, zeigt effektvoll, wie er verfremden, wie er in diesen Szenen das ganze Leben von „Spider“ in wenigen Bildern auf den Nenner bringen kann: es ist der Alptraum in expressionistisch und verrotteten inspirierten Bildern, die Hülle der Seele, und aus der sich wie in einem Feuerwagen alles abfahren lässt, alle gemachten Erfahrungen, Schuld, Sehnsucht, Liebe, Hass, Ängste und das nicht endenwollende Leid, Gegenwarterlebnisse, Vergangenheitswahn, Zukunftsvisionen. Es ist ein Einheitsbrei mit tausenden Facetten umwoben und undurchdringbar. An diesem subtilen Blick soll der Zuschauer teilhaben, an dem absoluten, unaufhaltsamen und tiefen Verfall.
Was man sich im Leben nicht oft fragt, geht verloren, ist unwiederbringbar, fremdbestimmt, auf ewig zerstört. Leben ist auch ein Prozess des ständigen Hinterfragens. So nähert sich CRONENBERG den Persönlichkeiten an. Und so - wenn man die Eingangssequenzen als Maßstab nimmt - entspricht die Bebilderung von Dennis Demenz dem eigentlich Blick ins Spektrum seiner Psyche. Und vermutlich sind die wirklichen Ereignisse hier nur Synonym für das Bild, das dem eigentlichen Bild folgt: dem Spinnennetz, das einfängt und gefangen hält. Viele Details aus dem Film unterstützen das: sein schon wütender und auffällig irrationaler Hass auf die Herbergsmutter, die ihn an seine leibliche Mutter und an Yvonne erinnert, die düster-deprimierende Atmosphäre auf dem Londoner Bahnhof, die viel altmodisches, Zeitloses, panoramische Totale, geheimnisvoll, bizarr, Angst machendes hat, die Menschenmassen, die in räumlich-zeitlicher Beziehung zu „Spider“ stehen, die nur zum Schein die trügerische Oberfläche beglücken, um die erstarrten Situationen emotional auszukosten, die Welt, in der sie leben, zur Arbeit hasten (Bedrohung und Verfolgung). Am Bahnhof wirkt alles wie auf einem Tableua. Dennis entsteigt dem Zug. Das sind totale Bilder, die den vollkommenen Bildern im Kino ziemlich nahe kommen.
Die Bilder bestimmen seine Biografie, sie fangen einen Menschen ein (famose Kamera: Peter SUSCHITZKY) der nach seiner Authentizität sucht, sie aber nie finden wird, sie fangen jemanden ein, dessen Gefühlswelt brach liegt. Es entspricht dem Zugriff, dass viele der Bilder am Bahnhof und auch die Stationen von Dennis an die Parade grotesker Gestalten von FELLINI erinnern. Doch weil CRONENBERG wieder alles relativiert, in Frage stellt, die Stimmungen, Schmerzen und Frustrationen als Schattenrisse darstellt, gibt er zu erkennen, dass unser Gedächtnis uns ständig einen Streich spielt. Alles ist gleichförmig und wird beständig durch einen Trichter gezogen, der alle Selbstzweifel offen legt. Hier gibt es keinen Kompass, keine Himmelsrichtung. Hier erlebt man alles ohne Ecken und Kanten, ohne Wände, ohne Decken, ohne Dichtungen und Durchlässe. Hier verschwindet alles und verschwimmt alles. Manchmal für immer.
In Dennis Leben sind alle Grenzen zugemauert. Sie öffnen sich nicht mehr. Die gemarterte Seele findet kein Einlass ins wirkliche Leben, es gibt kein Entkommen. Es mag sein, dass hier die Halluzination beginnt, mit der sich schizoide Menschen herumschlagen müssen, sich von der dunklen Farbgebung abheben wollen, jedoch nur tiefer ins schlichte Fahrwasser der Spaltung hineingeraten. Seine Tagträume mögen darauf ein Verweis sein. Nur in Rückblenden (der alternativen Realität, wie sie von CRONENBERG in seinen Filmen „eXistenZ“ und „Videodrome“ eingeführt wurde) kann sein Ich mit dem schizoiden Über-Ich Kontakt aufnehmen, den Wechsel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wenigstens für kurze Augenblicke erträglich gestalten. Nach und nach erklärt sich so, worum „Spider“ so ist, wie er ist.
CRONENBERG insistiert in seiner Konzeption auf eine mögliche Veränderung, in dem er Realitäten bzw. Nichtrealitäten in Szene setzt. In der Suggestivität dieser atmosphärischen Bilder und Töne (Musik: Howard SHORE) überschreitet er scheinbar mühelos Filmgrenzen. Er bricht mit vielen Vorannahmen, die man im Kino kennt, und die in vielen Anfangsszenen das eigentliche Spiel bereits beenden. Für ihn geht es, wie schon bestens in „Die Fliege“ dargestellt, um die Entwicklung des Individuums, wo Erwartungen abgetastet werden, die sich als Falschannahmen entpuppen, wo sich die vermeintliche Gefühls- und Gedankenwelt als Introspektion, ja als Wahnsinn entpuppt. Für ihn ist Wahnsinn nicht unbedingt eine Geisteskrankheit, sondern Begegnung mit dem Wahren, mit der Realität, mit der Zukunft des Menschen. Vielleicht eine Begegnung mit FOCAULT (vgl. vor allem „Wahnsinn und Gesellschaft“, 1969)?
Die Erwartungen, die CRONENBERG in Dennis setzt, sind die, die man haben kann, oder auch nicht. Das Wahre ist bei ihm nicht das Einzige, wiewohl auch das Einzige hier das Wahre sein kann. Wenn „Spider“ aus dem Zug aussteigt, die Kamera den ganzen Bahnhof abfährt, bis sie schließlich die Tür erreicht, aus der er aussteigt, dann ist das ein bewegendes, ein einzelnes wahres Porträt, ein einzige Identitätskrise mit einer Fülle von Sinnbildern. „Spider“ wird sinnbildhaft in Szene gesetzt: langsam, schmutzig, verkommen bis zur Verwahrlosung. So auch seine Seele. Man erkennt das Chaos, das in ihr herrscht sofort, so als wäre er beständig auf der Flucht: er bricht mit allem, aber alles bricht nicht mit ihm, er begegnet sich selbst, doch niemand will ihm begegnen, er erfährt, doch seine Erfahrungen will niemand annehmen, er kommt, keiner kommt ihm entgegen, und wohin er geht, dort ist niemand. Mimik, scheue Blicke, Gesten- all das zerrt an den Nerven, Man merkt förmlich, wie man selbst entschwindet und die Persönlichkeitsspaltung hat einen voll im Griff.
CRONENBERG stellt einen Menschen dar, dem jedweder Halt fehlt. Hier schält ihn niemand aus seiner Dunkelheit heraus, der schwarzen Nacht. Hier sieht man keine grellen Blitze, die aufhellend wirken könnten. Ein nackter Mensch, der an „Der Prozess“ (KAFKA) erinnert, gibt sich nicht preis. Er ist verlassen, zerstört, einsam, ohne Aussicht auf Besserung. Er hat das, was er meint zu haben. Das ist nichts, zuwenig. Es ist aber auch das, was wir meinen, zu haben, das Gleichgewicht des Lebens, wo jeder Einbruch zur Katastrophe gerät: der schmale Grat zwischen verrückt und normal!! CRONENBERG, den ich für einen der besten Regisseure halte, fährt einmal mehr die Tiefen der Philosophie ab. SARTRE und CAMUS, speziell der Existenzialismus, sind Philosophen und eine philosophische Richtungen, die sich dann natürlich auch in „Spider“ niederschlagen.
„Spider“ ist nicht nur Fremder, er ist auch ein Eingeschlossener, der sich in „Die Pest“ (Albert CAMUS) ebenso wiederfinden würde wie in „Der Ekel“ (Jean-Paul SARTRE). Als Desorientierter verbrennt er die Absurdität des Lebens in ein paar Aufzügen: veräußerlichend und sinnentleerend. Dieses Scheitern bleibt als Grundwiderspruch bis zum Finale des Films erhalten. Für Menschen, die bereits im Alttag jede Menge Probleme anhäufen, bleibt „Spider“ eindimensional. Man könnte an Herbert MARCUSE denken („Der eindimensionale Mensch“(1967) oder an Ernst BLOCH „Verfremdungen“ (1964f.). Im mörderischen Kampf gegen die Absurdität steht „Spider“ in seinen Wolkengebirgen allein auf weiter Flur. Faszinierend stellt Ralph FIENNES, der schon in „Der englische Patient“ (Regie: Anthony MINGHELLA, 1997) und „Schindlers Liste“ (Regie: Steven SPIELBERG, 1994) bestens zu überzeugen wusste, „Spider“ dar, so als ob er uns sagen wollte: man kann sich nie sicher sein, ob und wann es einen selbst erwischt. Schizophrenie scheint eine Kopfsache zu sein. Insofern ist der Film postmodern-hochaktuell; denn Gedächtnis und Erinnerung ist ein bleibendes psychisches und natürlich auch gesellschaftspolitisches Thema.
Dort wo man sich nicht mehr erinnert, fehlt das Gedächtnis. Wo das Gedächtnis sich in die stotternde Unsicherheit verabschiedet, bleibt nur noch die Erinnerung daran. Der Leidensdruck der Verdrängung gipfelt in der Subjektivität des Gedächtnisses, zeigt, dass manches nicht vergessen werden kann, nicht vergessen werden darf. Der ewige Vergessensprozess entwickelt sich zu einem Vergessensdrama. Sich Verdrängung zu vergegenwärtigen sind demütigende Prozesse. Sie können einen Menschen vernichtend entstellen. Die Innentapete, die FIENNES nachzeichnet, ist deshalb um so lobenswerter, weil er sich selbst auf den Pfad begibt, und den verlogenen Verlauf im Umgang mit diesen Menschen vom Kopf auf die Beine stellt.
Fazit: Wenn man aus dem Kino tritt nimmt einen der schizoide Dennis in Empfang. Man weiß nicht, wo man ist, wo man hingeht und ob man überhaupt irgendwo hingehen will. Man ist selbst gespalten. Spider ist ein einfühlsamer und wunderbarer Film mit einem überragenden Ralph Fiennes. Die eindringlichen Bilder leben immer fort, weil sie von stringenter Brisanz sind. Das Porträt eines Mannes, der hinter einer zugemauerten Wand lebt, in einem geschlossenen System existiert, und der sich in seinem eigenen Netz (Spider=Spinnennetz) für immer selbst gefangen hält. Freiheit gibt es dort nicht mehr.
Insofern ist Spider ein einziges traumatisches Erlebnis aller (negativen) Lebenserfahrungen. Der Film bricht mit der Illusion, das wir so bleiben, wie wir sind. Die Unumkehrbarkeit der Vergangenheit, die Überlappungen mit der Gegenwart- das gipfelt im „Geworfensein des Menschen“ (Martin Heidegger), in der Identitätskrise des modernen Menschen, der sich im Raum und Zeit verliert. Es mag nur noch eine Frage der Zeit sein, bis wir unsere letzten moralischen Trümpfe aus der Hand geben und zu monumentalen Versteinerungen werden. Das Leben, ein Stationsdrama mit autistischen, ja ungelösten Rätseln.
„Man kann in dieser Welt nicht leben. Man muss aus ihr davonfliegen. Alle müssen davonfliegen. Eine Umgestaltung des Lebens ist unmöglich, sie ist sowieso zum Scheitern verurteilt. Und darum müssen wir etwas tun, um dieses Leben noch zu Lebzeiten zu verlassen, bevor wir gestorben sind.“ (Samuel Beckett)
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